Der Glaube kann Berge versetzen! Und was noch?

Unsere Stadt ist nicht sehr groß. Es ist zwar sehr gemütlich hier, aber wenn dich deine fanatische Schuhbegeisterte Freundin der Kaufzwang packt beziehungsweise du einfach mal neue Klamotten brauchst, dann ist ein Ausflug in eine größere Stadt durchaus angebracht. Erstens ist dort die Auswahl größer und man entdeckt immer wieder neue Dinge, die es im hiesigen verschlafenen Städtchen nicht gibt. So erging es mir, als ich mich in eine nahegelegene größere Stadt begeben habe. Dort besuchte ich einen namenhaften Bücherladen, da ich auf der Suche nach einem Geschenk für einen Freund war.

Jeder halbwegs vernünftige Bücherladen hat seine Bücher kategorisiert ausgestellt. Und als ich mich in die Esoterik-Abteilung, nein, in das Esoterik-Stockwerk begegeben habe, habe ich meinen Augen nicht geglaubt. Ich fühlte mich wie bei einer Sektenversammlung. Oder einem Woodstock-Konzert. Neben den Finde-Dich-Selbst-Büchern, den Duftkerzen, Räucherstäbchen, sonstigen ätherischen Ölen, Glückssteinen und was weiß ich was noch, gab es eine Entspannungshängematte und eine Handleserin. Der Raum war recht gefüllt mit Menschen. Bevor ich rausfinden konnte, welchen Anlass diese Versammlung rechtfertigte, musste ich flüchten, um nicht auch durch irgendwelche verführerischen Öle zum Anschluss an diesen Wahn gezwungen zu werden.

Ok, mal von den überspitzten Aussagen abgesehen: Ich halte nicht viel von Esoterik oder Spiritualität. Ich assoziiere damit immer eine bekiffte Person, die seicht grinsend mit zusammen gepetzten Augen vor sich her torkelt, das Peace-Zeichen mit seinen Finger geformt und von Visionen heimgesucht. Gut, dass mag jetzt übertrieben sein und nicht der Realität entsprechen – hoffe ich mal. Aber selbst wenn es so wäre, dann würde ich es auch akzeptieren. Ich habe mich bei dieser Gelegenheit nur mal wieder gefragt, woran solche Menschen glauben. Also ich glaube mal nicht daran. Nicht so. Nicht im übernatürlichen, spirituellen oder esoterischen Sinne.

Glaube ist meiner Ansicht nach nur eine Form der Verleugnung der eigenen Naivität und Unwissenheit. Und das ist gut so. Das ist wichtig. Ein Mensch, der nicht an etwas glaubt, würde sich wohl vor seiner Umwelt verschließen, an (Selbst-)Zweifel und unzähligen unbeantworteten Fragen zugrunde gehen. Glaube zu haben heißt zu hoffen, dass etwas eintrifft, wie man es sich wünscht. Das Ungewisse wird mit Glauben verdrängt. Wir wissen nicht, was nach dem Tod mit uns geschieht, daher glauben Menschen an ein Leben nach dem Tod. An Wiedergeburt. An einen Himmel. An die Hölle. DAS gibt den Menschen Hoffnung. Glauben heißt Unterstützung geben. Wenn ich weiß, dass eine andere Person an mich glaubt, dann verleiht mir das Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Um den Gläubiger nicht zu enttäuschen, geben wir 150%, statt nur 100%. Und wenn sich dieses Verhalten auch nur im Unterbewusstsein bemerklich macht.

Den Glauben verstehe ich als ein individuelles Verhalten. Dieses Verhalten wird geprägt durch unterschiedliche Erfahrungen und richtet sich anhand Erziehung, sozialem und religiösem Umfeld in die unterschiedlichsten Richtungen aus. Wir können nichts mit Gewissheit sagen, aber der Glaube gibt uns ein Stück Gewissheit. Er gibt uns Hoffnung. Er gibt uns Orientierung. Er bestimmt unseren Weg und führt uns durch unser Leben wie ein roter Faden.

Was ich glaube ist, dass der Mensch sein Leben selbst in der Hand hat. Seine Entscheidungen und sein Verhalten, seine Taten und seine Fehler, all dass steuert ein Mensch selbst. Äußere Einflüsse mögen ihn vielleicht in eine Richtung zwingen, aber letztenendlich trägt der Mensch die Entscheidung. Der Glaube an was Höheres, an das Unbeschreibliche, dient ihm dabei lediglich als Stütze.

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